Verlorene Kindheit
Man mag ja viel über den Osten sagen, doch in Puncto Kinderbetreuung und Erziehung wurde dort alles richtig gemacht. Für die Kinder standen sowohl genügend Krippen-, als auch Kindergartenplätze zur Verfügung. Die Kleinen wurden entgegen mancher Behauptungen nicht dazu gezwungen auf die Toilette zu gehen, man gewöhnte sie einfach an die Regelmäßigkeit der körperlichen Bedürfnisse. Mittagsschlaf gehörte ebenso dazu. Wer nicht schlafen konnte, sollte wenigstens ruhig dösen und wurde nicht etwa bestraft. Und für Unterhaltung war auch immer gesorgt: es wurde gebastelt, gemalt, gebaut und gesungen. Sogar eigene Sporträume gab es, in denen man den Kindern ein gewisses Körpergefühl beibrachte. War man nicht im Kindergarten, dann spielte man draußen fangen oder Räuber und Gendarm oder kletterte auf Bäume. Natürlich wurde auch der Fernseher mal angemacht, doch die damaligen Zeichentrickserien hatten wesentlich mehr Inhalt und weniger Hektik und bunte Farben. Da können einem die Kinder von heute doch nur Leid tun.
Heute einen Platz in einem Kindergarten zu bekommen, ist nicht so leicht. Berufstätige benötigen einen, der lange offen ist. Bei der aktuellen Situation wird es schwierig, Job und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Arbeitslose oder Teilzeittätige müssen hingegen sehen, dass sie überhaupt zeitweise eine Betreuung bekommen. Im Kindergarten selbst wird inzwischen häufig auf "Erziehungsprogramme" gesetzt, die es ermöglichen sollen, dass die Persönlichkeit der Kleinen sich frei entfalten kann. Eigentlich heißt das nur, dass die Kinder machen sollen, was sie möchten und dabei jemand im Raum ist, der sie beobachtet. Nichts mit Animation und Instruktion. Dass dabei nicht viel Produktives herauskommen kann, ist selbstverständlich. Also machen die Kinder das, was sie schon kennen und spielen mit Autos und Puppen ihre Lieblingsserien nach. Doch die Serienhelden von heute, sind keine Helden im Sinne von mutig, tapfer und moralisch vorbildlich. Sie sind erscheinen laut und aufdringlich und das Geschehen ist immer hektisch und komplex. Von den Serien für die ganz Kleinen sollte man am liebsten schweigen, dagegen waren ja die Teletubbies vor einigen Jahren noch anspruchsvoll!
In der Freizeit sieht es bei den Kindern von heute auch nicht mehr rosig aus. Wer nicht jedes moderne Sportgerät vorzeigen kann, ist schon mal schlecht dran. Die wenige Zeit draußen wird dann bereits genutzt, um eine Rangordnung aller Nachbarkinder aufzustellen. Gemeinsame Spiele kann man immer weniger sehen, meist treten sie gegeneinander an. Manche freuen sich über den gesunden "Kampfgeist", doch gesellschaftlich gesehen ist es sehr bedenklich, dass nicht einmal mehr in diesem Alter Wert auf eine Gemeinschaft gelegt wird, sondern nur das eigene Bedürfnis im Vordergrund steht.
Kinder beschäftigen sich heute auch mit viel mehr elektronischem Spielzeug als wir früher. Einerseits verständlich, schließlich hatten wir noch nicht einmal diese vielzähligen Möglichkeiten, doch andererseits bedenklich, denn nicht alle Spiele für die Produkte mit dem Obstzeichen oder auf den Internetseiten sind wirklich passend für Kinder. Außerdem fehlt den meisten das Verständnis vom Unterschied zwischen Realität und virtueller Welt. Dies wurde zuletzt einem Elternpaar aus Schweden schmerzlich bewusst. Sie hatten jedem der beiden Kinder ein kostenloses Spiel auf die Touchscreencomputer geladen, mit denen sie spielen sollten. Doch im Spiel konnte man sich Beeren kaufen um voranzukommen, was die Kleinen auch taten. Dass sie mit echtem Geld der hinterlegten Kreditkarten zahlten, stellten die Eltern erst fest, als die Abrechnung kam. Welch böses Erwachen, wenn aus "kostenlos" plötzlich 5.000 € werden.